Chronisch erschöpft
Mein Sohn war immer ein sehr sozialer Mensch, hatte viele Freunde und Kontakte. Und dann kam Corona. Er lebte damals alleine in einer kleinen Wohnung und litt schon bald unter den Einschränkungen; die Uni, die er besuchte, war monatelang geschlossen. Als nach über einem Jahr immer noch kein Ende der Maßnahmen in Sicht war und es mit seiner psychischen Gesundheit bergab ging, sah mein Sohn schließlich den einzigen Ausweg darin, sich impfen zu lassen – obwohl er vieles während jener Zeit kritisch sah. „Ich musste mich zwischen meiner psychischen Gesundheit und der Impfung entscheiden“, sagt er heute.
Nun konnte mein Sohn zwar wieder seine Freunde treffen, aber die Freude hielt nicht lange an, sein psychischer Zustand verschlechterte sich weiter. Nach langer Unsicherheit wurde eine Angststörung diagnostiziert. Es folgten zwei extrem schwierige Jahre, in denen er in ärztlicher und therapeutischer Behandlung war und trotz – oder wegen – der Impfung auch zweimal schwer an Corona erkrankte.
Als es meinem Sohn psychisch endlich besser ging, kamen die Erschöpfungszustände und schließlich die nächste Hiobsbotschaft: Long Covid/Post Vac bzw. ME/CFS – die Grenzen sind fließend.
Steigende Zahlen von Betroffenen
Obwohl ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) seit 1969 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt wird, ist die Krankheit bis heute wenig bekannt und unzureichend erforscht. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handeln könnte. Je nach Ausprägung führt die Krankheit zu massiven körperlichen Einschränkungen, Verlust der Arbeitsfähigkeit bis zu Pflegebedürftigkeit. Rund drei Viertel der Betroffenen sind dauerhaft nicht arbeitsfähig. Studien weisen darauf hin, dass nach einem halben Jahr Erkrankungsdauer etwa die Hälfte der Long-Covid-Betroffenen die Diagnosekriterien für ME/CFS erfüllt. „ME/CFS ist zunächst nicht ganz einfach und klar zu diagnostizieren“, sagt der Internist Dr. Marcus Franz. „Auch früher gab es schon langwierige Erschöpfungszustände nach viralen Infekten oder durch sehr belastende Lebenssituationen, die dann zum Beispiel mit einer Infektion oder einer Impfung zusammenfallen.“ Es gebe starke Hinweise dafür, dass ME/CFS Erkrankung nicht nur durch Covid 19 verursacht werden kann, sondern ebenso durch die Covid-Impfung, so Franz. „Der Schluss, dass beide Formen ähnliche Ursachen haben, liegt nahe, weil wir mit guten Gründen bei beiden Erkrankungen das Spike-Protein als Auslöser sehen. Bei der Impfung werden zusätzlich noch weitere immunologische Effekte diskutiert, dazu laufen derzeit weltweit Studien.“
Mein Sohn fand zum Glück gute Ärzte und ist seit einiger Zeit auf dem Weg der Besserung. Was jedoch erst langsam an die Öffentlichkeit dringt: ME/CFS-Betroffene fühlen sich vom Gesundheitssystem oft im Stich gelassen und wünschen sich mehr Verständnis ebenso wie kassenärztliche Versorgung. Die meisten Ärzte, die über ME/CFS Bescheid wissen, sind Wahlärzte (zum Teil privat zu bezahlen, Anm.), „doch viele Betroffene haben finanzielle Schwierigkeiten, weil sie zum Teil nicht mehr arbeiten können“, sagt eine Betroffene. Die Erkrankung wird häufig nicht erkannt oder fehldiagnostiziert, was für die Betroffenen teils gravierende Konsequenzen hat.
Mein Sohn gibt heute sein Bestes, um wieder Fuß zu fassen, er hat eine Arbeit und seinen Humor wieder gefunden. Die Erschöpfung begleitet ihn nach wie vor, doch er hat gelernt, damit umzugehen. Ich habe sein Einverständnis, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen – um aufzuklären und Mut zu machen.



Ich wünsche deinem Sohn gute und schnelle Genesung!